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Best Practice Wissenstransfer

04/08/15

Den demografischen Wandel koordinieren durch Geodaten: Forscher der Hochschule Anhalt unterstützen Kommunen bei strukturellen Veränderungen

Immer mehr Kommunen sind gezwungen, ihre Infrastruktur dem Rückgang der Bevölkerung anzupassen. Aber welche Veränderung ist die richtige? Forscher der Hochschule Anhalt haben sich darauf spezialisiert, die Koordinaten für solche Entscheidungen zu liefern. Dazu greifen sie auf amtliche Daten von Kataster- und Meldeämtern zurück, aber auch auf Sensordaten des Gyrocopters. Die Expertise der Ingenieure ist immer öfter gefragt, wenn es heißt: Wohnsiedlung abreißen oder sanieren? Schule erhalten oder schließen? Energieversorgung erneuern oder abschalten?

Mit dem Gyrocopter nehmen die Wissenschaftler der Hochschule Anhalt ihre neusten Projekte in Angriff. Das bemannte Luftfahrzeug ist mit Sensoren ausgestattet, die Flurstücke und Gebäude vermessen können.
Koordinaten für den demografischen Wandel

Prof. Lutz Bannehr, Prof. Holger Baumann und Prof. Lothar Koppers haben schon oft erlebt, wie man sich in einer Debatte verlaufen kann. Von 2010 bis 2013 waren die Wissenschaftler vom Fachbereich Architektur, Facility Management und Geoinformation am Standort Dessau der Hochschule Anhalt mit einem Schulwege-Projekt betraut. Auftraggeber war das Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt. Im Zentrum stand die Schließung einer von vier Grundschulen eines sachsen-anhaltischen Landkreises.

Schwieriges Thema Schul-Schließung

„Um den Bestand zu sichern, fuhren einige Kinder mit dem Bus an zwei Einrichtungen vorbei“, berichtet Prof. Lothar Koppers von der kuriosen Situation. In einer umfangreichen Studie stellte er mit seinen Hochschul-Kollegen Daten zu Einwohnern, Einzugsgebieten und Fahrzeiten zusammen. Außerdem berechneten sie, wie hoch die  Kosten für die sogenannte Schulzuwegung und die Schließung der betroffenen Grundschule sein würden. „Eltern, Schule, Gemeinde und Landkreis sahen Schwarz auf Weiß, dass es auf Dauer nur sinnvoll sein konnte, den Standort aufzugeben.“ Damit hatten die Wissenschaftler der bis dahin sehr emotional geführten Debatte ein sachliches Fundament gegeben.

Wegsehen oder gestalten

Durchsucht man das Internet nach Koppers Titel und Namen, stößt man unweigerlich auf seine Vorträge zum demografischen Wandel vor verschiedenen Kommunen. „Seit 2009 sind es über 100 gewesen“, hat Koppers selbst gezählt. Die vielen Auftritte sind auch Teil seiner ganz persönlichen Marketingstrategie. „Anfangs bin ich die Projekte ausschließlich sachbezogen angegangen wie ein Ingenieur. Dann fand ich mich plötzlich wieder in schweren, teils erbitterten Auseinandersetzungen mit Bürgermeistern, die politisch wenig opportune Entscheidungen treffen sollten.“ Koppers wurde bewusst, dass er überzeugen musste durch Akribie, Integrität und Wiederholung. „Deshalb lege ich auch großen Wert darauf, dass nicht nur wir als Professoren Ergebnisse präsentieren, sondern auch unsere sechs Nachwuchswissenschaftler.“

Wachstum durch adäquaten Wohnraum

Dabei fallen die Empfehlungen der Dessauer Forscher keineswegs immer so negativ aus wie im Fall der Grundschule. Durch eine Befragung fanden sie 2012 heraus, dass für das Wachstum der oberpfälzischen Stadt Wunsiedel der adäquate Wohnraum fehlte. „Eine Erkenntnis, die selbst uns überraschte“, sagt Koppers. Die Stadt sanierte ein Gebäude in der Innenstadt, siedelte Nahversorger an, legte für die Wohnungen einen Quadratmeterpreis von 6,50 Euro statt 3,50 Euro fest und hatte sofort 25 Bewerber – eine erfreuliche Zahl für die kleine Gemeinde.

Neue Daten ermitteln mit dem Gyrocopter

Die Stadt Wunsiedel und der angrenzende Landkreis Tirschenreuth gehören auch zu den ersten Gebieten, in denen der Gyrocopter zum Einsatz kommt. Das bemannte Luftfahrzeug ist mit Sensoren ausgestattet, die Flurstücke und Gebäude vermessen können. „Wir wollen Daten über die Beschaffenheit der Gebäude, ihren energetischen Gebäudezustand oder die Art der Beheizung erheben“, erklärt Koppers. In Kombination mit anderen Daten über Flurstücke und Einwohner erhofft sich die ländliche Kommune Auskünfte über problematische Bestände, um schon jetzt einem Verfall vorzubeugen. Denn eines ist sicher:  Nicht jeder Hof wird wie früher selbstverständlich von einer jüngeren Generation übernommen.


KATalysiert

Das KAT-Kompetenzzentrum der Hochschule Anhalt hat die Arbeit der Dessauer Forschergruppe im personellen Bereich sowie auch durch verschiedene Beschaffungen unterstützt.