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Best Practice Wissenstransfer

04/08/15

Technologien für die alternde Gesellschaft: Forscher der Hochschule Harz setzen sich mit Fragen der Akzeptanz auseinander

Ihr erstes Forschungsvorhaben zum Thema „Technikakzeptanz im Alter“ formulierte Prof. Birgit Apfelbaum im Jahr 2010. Damals betrat die Kommunikations- und Sozialwissenschaftlerin vom Fachbereich Verwaltungswissenschaften der Hochschule Harz noch einen Nebenschauplatz einer Debatte, in der es vor allem um den technischen Fortschritt ging. Heute ist klar: Technologien des Ambient Assisted Living (AAL), also altersgerechte Assistenzsysteme, funktionieren nicht ohne soziale Innovation. Fragen der Akzeptanz, Vermittlung und Beratung sind ins Zentrum der sogenannten Mensch-Technik-Interaktion im demografischen Wandel (MTIDW) gerückt. Welche Generationen sich wie von der Anwendung der Informations- und Kommunikationstechnologien überzeugen lassen, beschäftigt Prof. Birgit Apfelbaum in ihren aktuellen Forschungsprojekten.

Beim Dreh der Silver Clips: Alterspioniere“nutzen und erklären neue Technologien. Prof. Birgit Apfelbaum (vierte von rechts) setzt die durch Crowdfunding finanzierten Filme u.a. für weitere Forschungsprojekte ein. Bild: Uljana Klein.
Forschen in der altersgerechten Musterwohnung

In einer aufwendigen Studie stellte 2009 das Fraunhofer-Institut fest: AAL-Technologien haben vor dem Hintergrund des demografischen Wandels hohes Marktpotenzial. Ihr Nutzen ist allerdings noch viel zu wenigen, potenziellen Anwendern bekannt. Etwa zur gleichen Zeit richtete die Wernigeröder Wohnungsgenossenschaft eG (WWG) eine Musterwohnung für das altersgerechte Wohnen ein. Wissenschaftlicher Partner der Testwohnung wurde das Projekt KoMoServ (für Koordination und Moderation in Servicepartnernetzwerken der ostdeutschen Wohnungswirtschaft) von Prof. Birgit Apfelbaum. Kern ihrer Forschung war die Befragung aller Mieter. „Das Ergebnis war ein Paradox: Die Mieter hatten Interesse an technischer Unterstützung und Beratung. Die eigene Hilfsbedürftigkeit im Zusammenhang mit dem Altern wurde aber eher verneint“, sagt Apfelbaum.

Hemmnis: Negative Altersstereotype

Die Mieter wollten nicht mit negativen Altersstereotypen identifiziert werden – ein Phänomen, das in der wissenschaftlichen Theorie  durchaus bekannt ist. Außerdem zeigte sich, dass die Gruppe der 50- bis 60-Jährigen technischen Innovationen weitaus offener gegenübersteht. Aus den Ergebnissen der Befragung entwickelte Birgit Apfelbaum gemeinsam mit ihrem Team Handlungs- und Kommunikationsempfehlungen für die WWG und deren Netzwerkpartner. „Zurzeit wird die Musterwohnung gut genutzt. Es kommen etwa 2 bis 3 Mieter je Woche zu den Beratungsstunden. Einige Badumgestaltungen, teils gefördert durch die Krankenkassen, sind das sichtbare Ergebnis. Nicht zu vergessen der Imagegewinn“, sagt Christian Linde, Vorstand der WWG, welche den Wissenschaftlern der Hochschule Harz noch heute auch über das Netzwerk „TECLA“ verbunden ist. Ein Teil der AAL-Technologien gehören zum Innovationslabor „Technikakzeptanz“, welches Forscher der Nachrichtentechnik weiterhin nutzen. Und auch die „Silver Clips“ wurden in der Musterwohnung gedreht.

Silver Clips und Kommunale Beratungsstellen

„Mit den Videoclips wollten wir herausfinden, wie man die sogenannten Alterspioniere, also altersgerechte Rollenvorbilder, richtig inszeniert“, erklärt Apfelbaum die durch Crowdfunding finanzierten Filme. Um „Oma Lust auf Tablets oder Mobiltelefone zu machen“, werden diese unter anderem in den Kommunalen Beratungsstellen „Besser leben im Alter durch Technik“ gezeigt. Die Städte Wanzleben-Börde und Halberstadt sind zwei der 22 Kommunen, in denen das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) solche Einrichtungen fördert.

„Wir stellen fest, dass die Entscheidung für ein technisches Gerät stark von Kosten-Nutzen-Abwägungen geprägt ist. Ist ein konkretes Ziel erreicht, stößt die Offenheit schon wieder an ihre Grenzen. Und: es darf sich nicht viel verändern“, berichtet Apfelbaum. Gemeinsam mit ihren Kollegen Prof. André Göbel und Prof. Ulrich Fischer-Hirchert begleitet sie die Arbeit der Kommunalen Beratungsstellen durch wissenschaftliche Befragungen. Die Ergebnisse dürften für den nächsten BMBF-Zukunftskongress Demografie im Juni von großem Interesse sein, der seit 2013 unter dem Zusatz „Technik zum Menschen bringen“ firmiert.


KATalysiert

Das KAT-Kompetenzzentrum der Hochschule Harz war Träger des Projekts KoMoServ von 01/2011 bis 12/2013. Das Application Lab des KAT-Kompetenzzentrums an der Hochschule Harz unterstützte die Anträge für die Kommunalen Beratungsstellen beim BMBF sowie die Akquirierung der finanziellen Mittel für die „Silver Clips“ durch Crowdfunding.