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Interview

04/08/15

„Es braucht Engagement auf beiden Seiten“: Fachkräftemangel führt immer mehr Unternehmen direkt zu Career Centern der Hochschulen

Das Career Center der Hochschule Magdeburg-Stendal ist im Forschungs- und Entwicklungszentrum (FEZ) angesiedelt - nur wenige Schritte von den Vorlesungssälen und Seminarräumen entfernt.

So manch privater Personaldienstleister dürfte derzeit mit Neid auf die Career Center der Hochschulen blicken. Hier klopfen täglich die begehrten, zukünftigen Fachkräfte an die Tür und lassen sich beraten. Seitdem sich die Bewerbungen in den Firmen nicht mehr stapeln, greifen auch sie immer öfter auf den Service der Hochschulen zurück. Und es zeigt sich: So manches Unternehmen hat noch Nachholbedarf beim Employer Branding.

Darüber haben wir mit Beatrice Manske (seit 2001 Leiterin des Technologie- und Wissenstransferzentrums) und Katrin Gruschka (Leiterin des Career Centers) von der Hochschule Magdeburg-Stendal gesprochen. Beide arbeiten eng zusammen im campus-nahen Forschungs- und Entwicklungszentrum (FEZ) der Hochschule, wo ihre Büros nur wenige Flurschritte auseinander liegen.

Frau Gruschka: Wer klopft am häufigsten an Ihre Tür? Studenten oder Unternehmer?

Es sind nach wie vor hauptsächlich Studierende, die wir auf der Suche nach Praktikumsstellen, Nebentätigkeiten oder Jobs beraten, das heißt dazu, welche Möglichkeiten sie haben und wie sie ihre Fähigkeiten richtig darstellen sollten. Gut nachgefragt ist zum Beispiel auch unser Messe-Knigge zur Vorbereitung für unsere Firmenkontaktmessen. Darin haben wir zusammengefasst, wie man sich einem Unternehmen am besten vorstellt.

Trotz der veränderten Interessenlage investieren die Absolventen in ihre Bewerbung?

Ich kann das nur bestätigen. Von der so genannten Generation Y, der fehlender Ehrgeiz nachgesagt wird, kann ich nichts erkennen. Im Gegenteil: Unsere drei Bewerbungstrainings, die wir pro Semester anbieten, sind immer ausgebucht – selbst das englischsprachige. Auch andere Angebote unseres Studium Generale werden gut genutzt.


Katrin Gruschka ist seit 2014 Leiterin des Career Centers an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor war sie im selben Bereich an der Hochschule Anhalt tätig. Den Aufbau der Career Services seit der Jahrtausendwende hat sie von Beginn an verfolgt. Den Auslöser gab 1999 der Bologna-Prozess, in dem auch die bessere Vorbereitung der Studierenden auf den Arbeitsmarkt vorgesehen war. Im Jahr 2011 empfahl die Hochschulrektorenkonferenz den Career Centern die Konzentration auf drei Aufgaben: Information und Beratung von Studierenden zum beruflichen Einstieg, Verbesserung des Austauschs zwischen Lehre und Arbeitswelt sowie Kontaktmanagement und Vermittlung von Studierenden an Unternehmen.

Entsprechend vielfältig ist heute die Arbeit von Katrin Gruschka und ihren Kollegen: Neben Beratungsgesprächen stehen an die Organisation der 13. Firmenkontaktmesse sowie Veranstaltungen im Rahmen des Studium Generale. Außer Haus sind sie regelmäßig zu Netzwerktreffen mit Unternehmen unterwegs. Außerdem ist das Technologie- und Wissenstransferzentrum neben dem Career Center Ansprechpartner für das Deutschland-Stipendium sowie Anfragen von Unternehmen aller Art.


Frau Gruschka, stehen auch Unternehmer vor Ihrer Tür?

Tatsächlich suchen vor allem lokale Unternehmen den Weg persönlich zu uns in das FEZ. Anfragen aus anderen Regionen erreichen uns meist per E-Mail. Zurzeit sind es etwa 10 Unternehmen pro Woche. Viele haben aber gleich mehrere Angebote in der Tasche, die dann über das Job-Portal der Hochschulen Sachsen-Anhalts  nachwuchsmarkt.de veröffentlicht werden.

Das heißt, neben der direkten Vermittlung stellen Sie eine Matching-Plattform zur Verfügung.

Genau. In unserem Nachwuchsmarkt, der derzeit von der Universität Magdeburg, der Hochschule Anhalt, der Hochschule Merseburg und der Hochschule Harz betreut wird, gibt es aktuell 3905 Stellenangebote und 7530 Stellengesuche – Tendenz steigend. Ich schalte täglich etwa zwei Bewerbungen frei. Nach meinen Informationen klappt das Matching gut.

Wäre für die Unternehmen eine Suche über andere, überregionale Jobbörsen nicht effektiver?

Viele, die zu uns kommen, haben das bereits versucht – oft ohne den gewünschten Erfolg. Ein Angebot aus Magdeburg, Halle, Stendal oder Aschersleben geht unter denen aus wirtschaftsstärkeren Regionen wie Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrheinwestfalen einfach unter. Da lohnt sich der Weg über regionale oder lokale Portale. Unternehmen, die nicht aus Sachsen-Anhalt stammen, werden auch oft durch unsere Alumni auf uns aufmerksam gemacht, also durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

Mit welchen Fragen kommen die Firmen zu Ihnen?

Die Fragen sind anfangs oft organisatorischer Art. Gesprächsbedarf ergibt sich dann erst, wenn ich mir die Anzeigen genauer ansehe. Nicht selten werden die Anforderungen an den Bewerber mit nicht passenden Begriffen formuliert. Viele wissen gar nicht, welche Fähigkeiten die Absolventen mitbringen. Die Studiengänge sind in den vergangenen Jahren neu strukturiert und anders benannt worden. So habe ich zum Beispiel immer wieder die Frage auf dem Tisch, was eigentlich ein Wirtschaftsingenieur kann. Die Unternehmen sollten sich noch intensiver mit der Präsentation ihres eigenen Profils auf der einen und den akademischen Ausbildungsgraden auf der anderen Seite beschäftigen.

Arbeiten eng zusammen: Beatrice Manske, Leiterin des Technologie- und Wissenstransferzentrums, und Katrin Gruschka, Leiterin des Career Centers der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Laut Arbeitsagentur gab es bereits 2013 für mehr als 20 Prozent der freien Stellen in Sachsen-Anhalt keine oder nicht geeignete Bewerber. Besonders hart traf der Fachkräftemangel die kleinen Unternehmen, welche für den sachsen-anhaltischen Arbeitsmarkt prägend sind: Hier blieben 40 Prozent der vakanten Stellen unbesetzt. Das bekommen auch die Career Center der Hochschulen zu spüren – im positiven Sinne.


Frau Manske, die Hochschule Magdeburg-Stendal organisiert im Juni dieses Jahres die 13. Firmenkontaktmesse. Was hat sich seit 2002 verändert?

Die Nachfrage der Firmen hat sich erhöht. Momentan liegen wir bei einer konstant hohen Zahl von 60 Ausstellern, darunter mehrere Stammkunden, aber auch neue Interessenten. Durch die Mehreinnahmen konnten wir die Messe professionalisieren mit einem entsprechenden Rahmenprogramm und einem höherwertigen Messebau.

Welche Branche ist am stärksten vertreten?

Da wir eine Einrichtung der gesamten Hochschule sind, achten wir auf eine gute Mischung. Die Studierenden aller Fachbereiche sollen die Möglichkeit bekommen, sich bei Unternehmen zu präsentieren.

Sie beobachten die Unternehmen seit langem: Hat jedes die gleich großen Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen?

Natürlich gibt es branchenrelevante Unterschiede. Wir beobachten aber, dass viel von der Aktivität des Unternehmens abhängt. Es gibt Firmen, die mit jungen Leuten ständig im Gespräch sind und Veranstaltungen wie die Firmenkontaktmesse regelmäßig nutzen. Diese fünf Stunden Präsenz sind unbezahlbar.

Also: steter Tropfen höhlt den Stein?

Ja, genau. Die aktivsten Unternehmen, mit denen wir in Kontakt stehen, sind Förderer von fünf oder sechs Deutschlandstipendien – auch dadurch sichern sie sich einen breiten, längerfristigen Kontakt zu Studenten. Es muss nicht immer die eine, hochpreisige Marketingaktion sein.

Sind solche Maßnahmen nur Türöffner oder werden tatsächlich auch Arbeitsverhältnisse geschlossen?

In Bezug auf die Firmenkontaktmesse erhalten wir regelmäßig die Nachricht, dass ein Absolvent eingestellt wurde. Am erfolgreichsten sind die Aussteller, die den Bewerbern Perspektiven bieten. Es zählt nicht immer nur das höhere Gehalt, das Arbeitgeber in München oder Stuttgart zahlen können.

Die Gehaltsfrage ist bei den Studenten eher sekundär?

Selbstverständlich wirkt sich die Höhe des Gehalts auch auf die Entscheidung des Bewerbers aus. Nach unseren Erfahrungen können flexible Arbeitszeitmodelle, die Möglichkeit zur Elternzeit, abwechslungsreiche Arbeit, Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten eine ebenso große Rolle spielen. Die Studenten haben einen Sinn dafür, ob ein Unternehmen diese Fragen geklärt hat.

Was erwarten die Absolventen?

Wir beobachten, dass junge Leute auch Sicherheit wollen. Befristete Arbeitsverträge sind da ein falsches Signal. Sie schaffen kein Vertrauen. Ein Unternehmen muss die Philosophie ausstrahlen: Wir sind an Dir interessiert. Es braucht Engagement auf beiden Seiten.

Was ist, wenn einen jungen Arbeitnehmer die Abenteuerlust packt und er nochmal weggehen will?

Es wäre eigentlich nicht überraschend, wenn das passiert, denn wie Sie schon sagen: es geht um junge Leute. Auch hier empfehlen wir: langfristig denken, im Gespräch bleiben, Angebote machen und über den Weggang hinaus Kontakt halten.