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Interview

04/08/15

Toleranzentwicklung und Diversity: Lehre, Forschung, Vermittlung und Moderation an der Hochschule Merseburg

Der demografische Wandel hat einen Wettbewerb der Städte und Standorte ausgelöst, in dem es auch darum geht, wie willkommen neue Fachkräfte sind. An der Hochschule Merseburg gehören die Themen Toleranzentwicklung und Diversity fest zur Institution. Sie sind zu einer „Querschnittsaufgabe“ geworden, wie Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß vom Fachbereich Soziale Arbeit. Medien. Kultur sagt. Im Rahmen seiner Professur für „Angewandte Sexualwissenschaft“ setzt er sich mit Fragen der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts sowie in intersektionaler Perspektive auseinander. Seine Expertise nutzt Voß auch, um mit Merseburgern über die Themen zu diskutieren und bei Konflikten zu moderieren.

Prof. Heinz-Jürgen Voß
Herr Prof. Voß, die Themen „Toleranzentwicklung und Diversity“ sind eine „Querschnittsaufgabe“ an der Hochschule Merseburg? Was heißt das?

Das heißt unter anderem, dass sich die Themen in verschiedenen Modulen der Lehre wiederfinden; dass sich unsere Studierenden auch praktisch mit Migration, Flucht und Integration auseinandersetzen, zum Beispiel über Projekte mit Geflüchteten. Es bedeutet weiterhin, dass wir an mehreren Forschungsprojekten, etwa mit der Humboldt-Universität zu Berlin, beteiligt sind. In einem weiteren aktuellen Projekt setzen wir uns historisch mit Frauen in der Wissenschaft auseinander, um aus dieser Perspektive mehr Frauen für die Naturwissenschaft zu begeistern. Für viele Aktivitäten verlassen wir den Campus, zum Beispiel für die Fachtagung „Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität – (K)Eine Privatsache am Arbeitsplatz?!”, die wir in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung im Merseburger Ständehaus durchgeführt haben und bei der uns die Stadtverwaltung sehr freundlich unterstützt hat. Und wir holen für Vorträge immer wieder renommierte Autorinnen und Autoren nach Merseburg, die zum Beispiel über das Thema Rassismus sprechen.

Bleiben wir zunächst auf dem Campus: Welche Beobachtungen machen Sie bei Ihren Studenten?

Interessant ist, dass Studierende in der Auseinandersetzung mit Migration nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse mitnehmen, sondern auch persönliche in Bezug auf die eigene Toleranz. Selbst jemand aus der Mehrheitsgesellschaft, der sich als Atheist sieht, muss oft erkennen, dass sein Weltbild christlich geprägt ist. Es geht uns darum, dass Menschen der Dominanzkultur zuzuhören lernen und damit zum Beispiel jüdische, jüdisch-atheistische, muslimische und muslimisch-atheistische Positionen wahrnehmen können.

Vorurteile abzubauen, ist auch das Ziel einer neuen Veranstaltungsreihe zum Rassismus in Merseburg und im Saalekreis. Am 17. März haben Sie die Auftaktveranstaltung geleitet. Wer hat teilgenommen und wie waren die Reaktionen?

An dem Workshop – der als einführend und mit Arbeitscharakter angekündigt war – haben 15 Personen teilgenommen, viele aus Merseburg. Darunter waren Akteurinnen aus Anti-Gewalt-Projekten, Personen in kommunaler Verantwortung, aber auch Mitarbeiterinnen eines größeren Chemieunternehmens in Merseburg/Leuna, das auch die Verantwortung für die tolerante Kultur seiner Stadt im Blick hat. Das Feedback war sehr positiv. Vielen sind die historischen  Zusammenhänge von Rassismus, zum Beispiel zum deutschen Kolonialismus, nicht bekannt. Es ist wichtig, die Zusammenhänge zu sehen, um verstehen zu können, was Rassismus  ist.

Und was bedeutet Rassismus?

Darauf würde ich gern mit einem Zitat von Noah Sow antworten, das aus einem Band von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard stammt:„Rassismus ist die Verknüpfung von Vorurteil mit institutioneller Macht. Entgegen der (bequemen) landläufigen Meinung ist für Rassismus eine ‚Abneigung‘ oder ‚Böswilligkeit‘ gegen Menschen oder Menschengruppen keine Voraussetzung. Rassismus ist […] ein institutionalisiertes System, in dem soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen für weißen Alleinherrschaftserhalt wirken […].“**

Heißt das, dass man sich selbst nicht mit dem eigenen Rassismus auseinandersetzen sollte?

Auf gar keinen Fall heißt es das. Rassismus abzubauen heißt, dass jede und jeder einzelne aus der weißen Dominanzgesellschaft  an sich selbst arbeiten muss, also die eigenen Selbstverständlichkeiten hinterfragt und den „anderen“ zuhört. Auch deshalb bieten wir immer wieder Veranstaltungen in und um Merseburg an.

Welche Wirkung hat Ihre Arbeit?

Dass wir mit unserer Arbeit rassistische Übergriffe, wie sie im Dezember letzten Jahres in Merseburg vorgekommen sind, verhindern können, wäre zu viel erwartet. Aber wir können die Sensibilität für das Thema stärken, indem wir darüber sprechen und eine „bürgerliche Aushandlungskultur“ schaffen. Dazu arbeiten wir sehr eng mit zahlreichen Akteurinnen zusammen. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Geflüchteten und Ehrenamtlichen aus den Unterstützungsgruppen, mit der Stadt und der Integrationsbeauftragten der Stadt. Als Hochschule wollen wir diese Aktivitäten ausbauen, wobei wir als wissenschaftliche Einrichtung gerade unsere Expertise der moderierenden Begleitung anbieten können. Gedacht  ist an einen Runden Tisch, an dem wir die Moderation zwischen Akteuren wie zum Beispiel der Stadtverwaltung und Migranten übernehmen, um Brücken zu bauen, Konflikte zu lösen und die Region als offen und tolerant zu entwickeln.


Hintergrund

Hochschulen haben ihre Campi in den vergangenen Jahren verstärkt geöffnet. Besonderes Augenmerk gilt in Zeiten des demografischen Wandels dem Nachwuchs. Aber auch Weiterbildungen für verschiedenste Alters- und Interessengruppen sind fester Bestandteil der Hochschullandschaft geworden.

Die Hochschule Merseburg baut dabei auf drei Säulen: die frühkindliche Entwicklung fördern, Toleranzentwicklung und Diversity für einen attraktiven Standort sowie das Alter wertschätzen mit Seniorenkolleg und Mehrgenerationenhaus. Stellvertretend stellen wir zwei Initiativen genauer vor. Zum Projekt "Solar-Krümel".