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Best Practice Technologietransfer

06/15/15

Naturstein und Glas optimal verbunden: Innovation sichert Tangermünder Firma Marktvorteil

Brennt für sein Fach und Innovationen: Lars Gehr zeigt, wie lichtdurchlässig Naturstein sein kann. Bilder (2) KAT-Netzwerk.

Innovationen gehören bei der Tangermünder Firma Naturstein Gehr zur Tradition. Ein neues Projekt wagte Geschäftsführer Lars Gehr vor zwei Jahren, um seine eigenen Ideen für Leichtbauelemente aus Naturstein und Glas zu verwirklichen. Für den sicheren Erfolg ging er eine Kooperation mit der Firma Hohenstein Isolierglas und Wissenschaftlern des Industrielabors „Funktionsoptimierter Leichtbau“ der Hochschule Magdeburg-Stendal ein. Mit dem Ergebnis sind die Firmen auf die teuren Standardlösungen aus der Branche nicht mehr angewiesen.

Innovation aus Tradition

Der erste Eindruck vom Firmensitz in Tangermünde täuscht. „Grabsteine sind schon lange nur noch ein Teil unseres Geschäfts“, erklärt Lars Gehr, der zu DDR-Zeiten Steinmetz gelernt und Bauwesen studiert hat. Hätte es den Studiengang Steintechnik gegeben, wäre das seine erste Wahl gewesen. Als sein Vater den Tangermünder Steinmetzbetrieb 1980 übernahm, brachte er diesen schnell in neues Fahrwasser. Heute besitzt das Familienunternehmen einen guten Namen als Spezialist für besondere Steinmetz-Arbeiten wie zum Beispiel im Fassaden- und Schiffbau. „Dabei sind wir insbesondere auf leichte, tragfähige Naturstein-Paneele angewiesen“, sagt Lars Gehr, der die Geschäftsführung im Jahr 2000 vollständig übernommen hat.

Herausforderung Glas-Naturstein-Fassade

„Ich habe schon viele Firmen bei dem Versuch scheitern sehen, Granit oder Marmor mit Glas als Schutz vor Witterung zu verbinden“, erzählt er. Erst vor kurzem stand er in Spanien vor einer Glas-Naturstein-Fassade, zwischen die feuchte Atlantikluft gekrabbelt war und dabei hässliche Flecken und Blasen hinterließ. Ein weiteres Problem ist, dass Naturstein beim Schleifen auf drei oder vier Millimeter  leicht bricht und stabilisiert werden muss. Seine Suche nach dem optimalen Leichtbauelement führte Lars Gehr schließlich in das Industrielabor „Funktionsoptimierter Leichtbau auf den Campus der Hochschule Magdeburg-Stendal. Hier bestimmen Harze, Klebstoffe und Faser-Kunststoffverbunde hinter abgeriegelten Glasvitrinen das Bild. 

Giallo Atlantide und Rosso Verona

„Die Bearbeitung von Naturstein war auch für uns eine neue Erfahrung“, erzählt Julia Hosse, die seit 2011 zum Team um Laborleiter Prof. Dr.-Ing. Jürgen Häberle gehört und gerade den Abschlussbericht für das aus Drittmitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) finanzierte Projekt schreibt. Sie zeigt auf Steinproben aus dem Hause Gehr: den goldgelben Kalkstein Giallo Atlantide und den italienischen Marmor Rosso Verona. Schön, aber zerbrechlich. Exklusiv, aber nicht witterungsbeständig.

Julia Hosse erklärt das innovative Leichtbaufassadenelement. Hier im Industrielabor „Funktionsoptimierter Leichtbau“ wurde die optimale Verbindung von Glas und Naturstein gefunden.
Hand in Hand: Die Firmen mit dem Industrielabor der Hochschule Magdeburg-Stendal

Um die Probleme zu lösen, haben Firmen und Wissenschaftler Hand in Hand gearbeitet. Nachdem für den Naturstein die richtige Kunststoffarmierung zur Stabilisierung gefunden war, gingen die Prototypen aus dem Industrielabor nach Tangermünde zum Dünnschliff und von hier aus zur Firma Hohenstein nach Jerichow/Redekin, um den Naturstein unter Vakuum mit Glas zu verbinden. Flankiert war dieser Weg von zahlreichen Recherchen und Tests. „Das Ergebnis sollte ein Prototyp sein, mit dem die Firmen sofort in Produktion gehen können“, erklärt Julia Hosse.

Die optimale Verbindung

Nach zwei Jahren war sie schließlich gefunden: die optimale Verbindung aus Glas, Thermoplastfolie, Naturstein und Glasfaserverstärktem Kunststoff. Details bleiben das Geheimnis der drei Partner. „Wir wollen die Leichtbaufassadenelemente über eine gemeinsame Gesellschaft vertreiben“, berichtet Lars Gehr von seinen Plänen mit der Firma Hohenstein Isolierglas. Damit hofft er auf eine bessere Position für sich und seine 20 Mitarbeiter, wenn es um die Vergabe neuer Aufträge geht. Vor allem im exklusiven Innenausbau und für Fassaden kultureller Einrichtungen, aber auch privater Eigenheime sei Naturstein ein gefragter Werkstoff.

Neue Ideen aus Naturstein

„In dünn geschliffenem Naturstein steckt noch viel Potenzial, wie Forschungsergebnisse aus der Mineralogie immer wieder zeigen. Er ist nicht nur leichter, sondern auch lichtdurchlässig – eine Eigenschaft, die wir bis jetzt kaum für unser Gewerbe genutzt haben“, blickt Lars Gehr in die Zukunft. Dass hinter diesen Ideen nicht nur die Leidenschaft für ein Handwerk steht, sondern auch unternehmerisches Denken, zeigt der Blick in die Vergangenheit. „Als einer der ersten Steinmetzbetriebe in Europa haben wir 1999 eine 5-achsige CNC-Maschine angeschafft. Das ist inzwischen ein alter Hut. Aber wegen des Knowhows, das wir mit dieser Maschine gesammelt haben, fragen uns bis heute Betriebe für schwierige Arbeiten an Natursteinen an“, so Lars Gehr.


KATalysiert

 

Das Industrielabor „Funktionsoptimierter Leichtbau“ wurde seit 2008 mit Mitteln der Europäischen Union aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) in Kooperation mit dem KAT aufgebaut. Ziel ist es, Unternehmen der Region, insbesondere KMU, den Zugang zu innovativen Leichtbau-Technologien zu ermöglichen und deren Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Der Wissens- und Technologietransfer findet auf mehreren Ebenen statt: von der individuellen Beratung über innerbetriebliche Aus- und Weiterbildung bis hin zu kooperativen Forschungsprojekten.

Die Kernkompetenzen des Industrielabors liegen in den Gebieten der Faser-Kunststoffverbunde (FKV), der Klebtechnik und des Leichtbaus. Sie sind Querschnittsthemen, die in zahlreichen Branchen Anknüpfungspunkte finden.