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Best Practice Technologietransfer

10/10/17

Gründer im Glück: IT-Prüfmittel aus Merseburg rollen den Markt für Smart Metering auf

Prof. Uwe Heuert
KAT Best Practice Exceeding Solutions Uwe Heuter

Davon wünscht sich die Politik und auch so manche Hochschule aktuell mehr: Erfolgreiche Spin-Off-Unternehmen wie Exceeding Solutions. Der IT-Dienstleister hat sich mit seinen Prüfmitteln für intelligente Messsysteme in der Stromwirtschaft innerhalb weniger Jahre ein Monopol erarbeitet. Dabei zeigt die Geschichte der Merseburger, dass erfolgreiche Gründungen auch auf glückliche Zufälle angewiesen sind.

„Für nichts zu schade“

So war das Gründungsmotiv zunächst eher ein personelles Problem. Mit Exceeding Solutions wollte Uwe Heuert, seit 2004 Professor für Rechnernetze und Virtuelle Instrumentierung an der Hochschule Merseburg, die „klugen Köpfe“ halten, die in seinen Projekten gearbeitet hatten und für die es keine Haushaltsstellen gab. Zudem sah er gemeinsam mit seinem Geschäftspartner und langjährigen Mitarbeiter Oliver Punk für Ingenieursdienstleistungen zwischen Messen, Steuern, Regeln und IT Auftragspotenzial: „Wir waren uns für nichts zu schade“, so Prof. Heuert.

Die Energiewende und die Umstellung auf intelligente Stromzähler

„Zum Smart Metering bin ich 2012 eher zufällig gekommen“, erzählt er weiter. Ein Student suchte einen Betreuer für seine Bachelor-Arbeit, die er für den Energieversorger MITNETZ schrieb.* Das Thema: Smart Metering. Dabei erfuhren die Merseburger schon bald von den Problemen in der Branche. Mit der Energiewende kündigte sich die Umstellung auf digitale Stromzähler an. Die dazu vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) aufgelegte technische Richtlinie (BSI TR-03109) ließ die Stromversorger ziemlich ratlos zurück.

Kollege Zufall

„Beim Querlesen der Richtlinie wurde mir klar, dass das genau das war, womit ich mich vor meiner Zeit an der Hochschule lange beschäftigt hatte“, erzählt Prof. Heuert, der sich vor 2004 unter anderem für einen französischen Weltmarktführer bei digitaler Sicherheit mit Chipkarten mit Fragen der Verschlüsselung von Daten und Kryptografie beschäftigt hatte. Ein weiterer Zufall.

Die BSI TR-03109 erklärt in einer innovativen Software

Um MITNETZ zu helfen, entwickeln Prof. Heuert und sein Team eine innovative Software, die das System der Zukunft mit allen Akteuren und Technologien vollständig abbildet. Ein riesiger Wissensvorsprung für den Energieversorger, der seine Erkenntnisse auch an die Muttergesellschaft – damals RWE, heute Innogy – weitergeben kann. Für die „Virtuelle Smart Meter Infrastruktur nach BSI TR-03109“ erhalten die Forschungspartner 2013 den Hugo-Junkers-Preis.

Einstieg in den Markt für Prüfmittel

Ab diesem Punkt in der Geschichte von Exceeding Solutions spielen weniger Zufälle als die Neugierde auf Neues, Mut und viel Engagement eine Rolle. Ab 2014 wollten sie sich die Qualität neuer Smart-Metering-Komponenten genauer ansehen. Ein Schritt, von dem viele abrieten, denn der Markt für die Prüfung von Zählern war unter zwei etablierten Firmen aufgeteilt. Etwas spöttisch hieß es: „Was wollt Ihr denn noch da?“ Heute kann Prof. Heuert das Lächeln nicht ganz unterdrücken, wenn er erzählt, warum er sich trotzdem für diesen Schritt entschied:


„Nach unserer Auffassung waren beide Firmen in der alten Welt verankert. Für uns war nicht sichtbar, dass sie es schaffen, die neuen IT-Anforderungen mit zu stemmen. Jetzt, drei Jahre später, wissen wir, es war genau so. Wir haben einen Bereich adressieren können, der durch die neue Gerätegeneration geschaffen wurde: Zählerprüfung gab es früher, gibt es auch heute. Aber Smart-Meter-Gateway-Prüfung gab es früher nicht, heute gibt es aber den Bedarf und wir sind heute auch die einzigen, die das machen.“ Prof. Uwe Heuert


Darum dreht es sich: Stromzähler.
KAT Best Practice Exceeding Solutions Smart Metering
Partner: Physikalisch Technische Bundesanstalt

Die Hochschule Merseburg, Exceeding Solutions und MITNETZ entwickelten das deutschlandweit erste Prüflabor für intelligente Messsysteme, das sie über viele tausend Kilometer Vertriebsarbeit intensiv bewarben. Inzwischen prüfen die Merseburger neue Geräte sowohl im Auftrag des Energieversorgers als auch im Auftrag von Geräteherstellern aus ganz Deutschland.

Außerdem beliefern sie unter anderem zwei wichtige Geräte-Zertifizierer. Einer davon ist die Physikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) – die oberste Instanz bei allen eichrechtlichen Fragen.


Exceeding Solutions ist vor kurzem in das Gründerzentrum MITZ gezogen.
KAT Best Practice Exceeding Solutions Gründerzentrum 1
Zur wichtigsten Ausrüstung der Mitarbeiter zählen gute PCs.
KAT Best Practice Exceeding Solutions Gründerzentrum 2

Steigender Umsatz und internationaler Markt

„Das heißt, wir sind beim Thema Prüfmittel, insbesondere beim Thema Prüfmittel für Smart Meter Gateways Monopolisten“, verweist Prof. Heuert auch auf gute Zahlen: Seit 2014 konnte Exceeding Solutions seinen Umsatz jedes Jahr verdoppeln und rechnet 2017 mit einem Umsatz von rund 800.000 Euro. Beschäftigt sind insgesamt sieben MitarbeiterInnen in Vollzeit – für die Bereiche Smart Metering und Ultraschall-Messtechnik, das zweite Standbein der Merseburger. Die Kooperation mit MITNETZ/enviaM sichert drei weitere volle Stellen an der Hochschule Merseburg.

Gründen ohne Hilfe

Noch in diesem Jahr will Exceeding Solutions in den internationalen Markt für Prüfdienstleistungen einsteigen. Die Verhandlungen laufen dazu mit dem niederländischen Nationalen Metrologischen Institut NMI, welches im Unterschied zur PTB international Prüfdienstleistungen anbietet. Bis heute haben sie auf ihrem Weg kaum Gründer-Hilfen in Anspruch genommen. Ihren Erfolg erklärt sich Prof. Uwe Heuert heute so: „Man kann das schlecht planen. Man muss zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Ideen und die richtigen Köpfe zusammenbringen. Bildlich könnte man vielleicht sagen: der Boden muss gut vorbereitet und gedüngt sein, die Samen fallen eher zufällig darauf.“

 

 

*In seiner späteren, sogar prämierten Master-Arbeit imitierte dieser Student den deutschlandweit ersten Zähler der neuen Kommunikationsgeneration und ließ die technischen Vorgaben Wirklichkeit werden, noch bevor ein Hersteller einen Prototyp vorlegen konnte.