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Labor

11/14/17

Abwasser, Abfälle, Recycling und Entsorgung an der Hochschule Magdeburg-Stendal

Ein beißender Geruch liegt im Labor für Abwassertechnik der Hochschule Magdeburg-Stendal. Wer das nicht gewohnt ist, kneift die Augen zu. „Was Sie hier riechen, ist Buttersäure“, sagt Jürgen Wiese, Professor für das Fachgebiet Abwasser an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Hier haben Wissenschaftler und Techniker in den vergangenen Jahren eine Reihe von Laboren und noch mehr Expertise für Problemlösungen der Wasser- und Kreislaufwirtschaft aufgebaut.

Thema Abwassertechnik

„Was können wir für Sie tun?“ steht auf dem Flyer des Labors für Abwassertechnik. Es setzt damit ein klares Zeichen: Auch in Zukunft soll es hier darum gehen, für und mit Unternehmen zu arbeiten. Analysen von Schlamm aus der Abwasser- und Abfallindustrie gehören hier zum Tagesgeschäft. „In unseren Projekten“, so Prof. Jürgen Wiese, „geht es insbesondere darum, Verfahren zu optimieren.“


Prof. Gilian Gerke und Kirstin Neumann
KAT Labor HS Magdeburg Abfall Recycling Gilian Gerke Kirstin Neumann

Eine der neusten Anlagen in den Laboren, mit der Biogas erzeugt werden kann.
Labor Hochschule Magdeburg Stendal Abfall Recycling Biogasanlagen
Biogasanlagen optimieren

Aktuell arbeitet er gemeinsam mit den Magdeburger Firmen Thorsis Technologies GmbH und der GETEC Green Energy AG an der Optimierung von Biogasanlagen – eines seiner Spezialgebiete.  Im Mai hat das Fachgebiet eine weitere kleintechnische Versuchsanlage in seinem Labor in Betrieb genommen, mit der Abfälle aus der Industrie bei zum Beispiel 40 Grad unter Sauerstoffabschluss vergoren werden können. „Damit will der Fachbereich in erster Linie neue Projekte anwerben“, erklärt Kirstin Neumann und auch die Studierenden können ihre Praktika und Abschlussarbeiten praxisnah durchführen.

Biogasanlage in der Hochschule

Die Diplom-Ingenieurin arbeitet für den Fachbereich Wasser, Umwelt, Bau und Sicherheit seit den 90er Jahren und hat viele der Forschungsprojekte im Bereich Wasser- und Kreislaufwirtschaft begleitet. Das Einwerben von Forschungsprojekten ist für die Fachhochschulen bekanntermaßen schwierig, da sie im Großen und Ganzen keinen aus Haushaltsmitteln der Hochschule finanzierten wissenschaftliche Mittelbau haben. „Damit fehlen eigentlich die Kapazitäten für das Antragsprocedere. Zugleich setzen die meisten Unternehmen voraus, dass die Antragsstellungen von den Hochschulen übernommen wird“, erklärt Kirstin Neumann.

Thema Recycling

Immerhin: Gemessen an ihren Anträgen um Mittel aus dem Fachbereich – wie für die neue Biogasanlage – blickt Kirstin Neumann auf eine 100-prozentige Erfolgsquote. Von solchen Großgeräten träumt derzeit noch Prof. Gilian Gerke, die in Magdeburg seit 2012 zu den Themen Ressourcenwirtschaft, Nachhaltigkeit, Ökobilanzen lehrt und forscht. „Hier soll“, erklärt sie mitten in ihrer Laborhalle stehend, „irgendwann einmal ein großer Extruder stehen.“

Kunststoffe in der Wertschöpfung

Nach ihrer Promotion an der RWTH Aachen war sie viele Jahre für die Wirtschaft (u.a. Grüner Punkt) tätig – ein Erfahrungsschatz, der sie mit ihren Kollegen verbindet und auch ihre Forschungsprojekte prägt. Diese führt sie meist angewandt, das heißt mit Unternehmen durch: „Damit sind wir auf dem Markt. Hier zählen Preise, Angebot und Nachfrage. Den Unternehmen geht es um neue Produkte, neue Absatzmärkte, darum Qualitäten zu verbessern, Wertschöpfung zu betreiben.“

Die Farben von Polypropylen und Polyethylen

Zu den Spezialgebieten von Prof. Gilian Gerke gehört die Wertschöpfung im Bereich von Verpackungskunststoffen aus Polypropylen und Polyethylen, kurz PP, PE. In den vergangenen zwei Jahren hat sie unter anderem die Farbenvielfalt von verschiedensten Verpackungen unter die Lupe genommen und damit einhergehende Eigenschaften beobachtet. Das Ziel: Recycling-Betriebe könnten die angelegten Farben besser nutzen, um teure farbliche Zusätze einzusparen.

Zusammenarbeit mit NABU

„Ein anderes Projekt, auf das ich inzwischen sehr stolz bin, ist die Zusammenarbeit mit dem NABU“, erzählt Prof. Gerke. Gemeinsam mit praxishungrigen Studierenden untersuchte sie Kunststoffabfälle, welche der Naturschutzbund mit Hilfe von Fischern aus der Ost- und Nordsee einsammelt. Im Fokus standen alte Fischernetze, die im Labor gewaschen, zerkleinert, agglomeriert, getrocknet und mit Projektpartnern zu Granulat aufbereitet wurden.


Die Farbenvielfalt verschiedenster Verpackungen hat Prof. Gilian Gerke in den Fokus ihrer Forschung gerückt.
Labor_Hochschule Magdeburg_Abfall_Recycling_Granulat
Fischernetze hat ihr Team bereits mit Erfolg u.a. zu Brieföffnern wiederverwertet.
Labor_Hochschule Magdeburg_Abfall_Recycling_Fischernetze
Labor_Hochschule Magdeburg_Abfall_Recycling_Fischernetze 2

Brieföffner aus alten Fischernetzen

„Die Widerstandsfähigkeit des Materials war eine riesige Herausforderung, aber wir haben ein Granulat hergestellt und daraus wiederum einen Brieföffner gemeinsam mit dem KAT Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe“, erinnert sich Prof. Gerke gern, die bereits ein neues Projekt mit dem NABU plant: Es geht um Langzeitversuche, wie sich Kunststoffe in Süß- und Salzwasser verändern.

Forschen an der Hochschule

Die Zusammenarbeit mit dem NABU finanziert Prof. Gerke auch immer wieder aus ihren Bord-Mitteln, wie sie sagt. Den Versuchsstand für die Langzeituntersuchungen wird sie voraussichtlich mit herkömmlichem Material aus dem Einzelhandel improvisieren müssen. Das Gute: Mit dem Lehrgebiet Wasserbau an der Hochschule Magdeburg-Stendal hat sie Experten an ihrer Seite, die in ihren Laboren das nötige Knowhow bereithalten.

Engagement und Druck

Das Engagement der Wissenschaftler und Techniker im Bereich Wasser- und Kreislaufwirtschaft hat verschiedene Hintergründe: die Begeisterung für ein Fach, die auch durch die Anfragen von Unternehmen immer wieder neue Impulse bekommt. Zugleich besteht der Druck – neben 16 Semesterwochenstunden Pflichtlehre für die ProfessorInnen – auch zu forschen, um wiederum Erfahrungen für neue Projektanträge vorweisen zu können.

Dr. Gunter Weißbach arbeitet in der Laborhalle 3 (unten) an chemisch-analytischen Fragestellungen.
Labor Hochschule Magdeburg Stendal Abfall Recycling Gunter Weiszbach
Immer noch zu viele Abfälle und neue Patente

Und dann sind da natürlich noch die großen gesellschaftlichen Herausforderungen. „Wir produzieren immer noch zu viele Abfälle. Die Abfallvermeidung muss stärker in die Planung und Produktion mit integriert werden“, sagt Dr. Gunter Weißbach, der den chemisch-analytischen Bereich der Labore betreut. Auch bei der Umstellung der Erdöl-basierten Wirtschaft könne die Abfallwirtschaft einen Beitrag leisten. Bereits vor einigen Jahren hat er ein Patent angemeldet, bei dem es um die Vorbehandlung von Stroh in Bioraffineriekonzepten geht: „In der Landwirtschaft existieren noch große Potentiale. Will man Bioökonomie-Konzepte etablieren, können und müssen diese Reststoffe in Zukunft besser genutzt werden“.

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