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Labor für Gründerinnen und Gründer

08/28/18

Frag den Nutzer – Und vermeide die Fehler der anderen

Manchmal liegen zwischen der technischen Brillanz eines neuen Produkts und seiner Nutzerfreundlichkeit Welten. Damit das nicht zum Problem für Gründerinnen und Gründer aus Sachsen-Anhalt wird, gibt es den ego.-Inkubator User Experience und Resilienz an der Hochschule Anhalt. Mit Hilfe neuster Technologien und erfahrener Betreuer lässt sich hier so mancher "Bug" finden. 

Gescheiterte Produkte

„Es gibt Produkte, die an ihrer Nutzbarkeit scheitern“, sagt Kerstin Palatini, Projektkoordinatorin des Inkubators. Wer im Internet nach „gescheiterten Produkten“ sucht, sieht das auf vielen Blogs und mit dem Museum of Failure schnell bestätigt: die Beispiele reichen von grünem Ketchup bis zum Senioren-PC. Gescheiterte IT-Projekte haben eigene Seiten. „Das Gehen in den Schuhen des anderen hat immer Grenzen. Um Bugs – also Fehler – zu vermeiden, müssen Sie den Nutzer fragen“, so Palatini weiter.

Kerstin Palatini mit einer der neusten Eye-Tracking-Brillen, wie sie auch von großen Unternehmen eingesetzt werden.
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„User Experience“ an der Hochschule Anhalt

Wie ihr Kollege Karsten Zischner lehrt und forscht Kerstin Palatini  seit vielen Jahren auf dem Gebiet „Usability“ bzw. „User Experience“ an der Hochschule Anhalt. Seit langem werden hier Technologien wie das Eye-Tracking eingesetzt, bei dem der Blickverlauf mit Hilfe einer Brille aufgezeichnet wird: Können Nutzer*innen mit einem neuen Produkt etwas anfangen? Können sie eine mobile App bedienen? Finden sie auf einer Website die Informationen, die sie suchen? Diese Expertise steht seit Januar 2017 im Rahmen des ego.-Inkubators im Bernburger Indigo Innovationspark zur Verfügung.

Inkubatoren – gefördert durch die EU

Inkubatoren – das sind Einrichtungen, die Gründerinnen und Gründer bei der Entwicklung ihrer Geschäftsideen unterstützen sollen und ähnlich wie das KAT-Netzwerk den Wissens- und Technologietransfer der Hochschulen in die Wirtschaft verfolgen. In Sachsen-Anhalt werden derzeit 20 mit Hilfe von EU-Mitteln im Rahmen der Existenzgründeroffensive (kurz ego) unterstützt, um dort anzusetzen, wo es hakt.

Professionelles Eye-Tracking

„Wichtig war uns eine professionelle Ausstattung wie sie große Firmen nutzen, um Produkte wirklich für den Markt testen zu können“, erklärt Karsten Zischner, der Kerstin Palatini vor allem in technischen Fragen unterstützt, wenn Interessenten den ego.-Inkubator nutzen wollen. "Mit den neusten, professionellen Eye-Tracking-Systemen haben wir jetzt die Möglichkeit, verschiedene Messwerte in Form von Aufzeichnungen, in Zahlen oder Diagrammen auszuwerten", sagt Kerstin Palatini, die auf die jetzt vorhandene Technik gern schon zu ihrer Studien-Zeit zurückgegriffen hätte.

Karsten Zischner (links) und Kerstin Palatini (rechts) umgeben von Bild- und Tontechnik, um Nutzer zu beobachten. Der Spiegel hinter ihnen...
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...ist ein Fenster zum Nebenraum, in dem sich die Aufnahmen auswerten lassen.
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Innovative Lichtfeld- Technologie

"Für meine Diplomarbeit hatte ich Spielzeug entwickelt, das ich Kindern zum Testen gab", so die diplomierte Designerin. Damals war sie auf ihre eigenen (Live-) Beobachtungen angewiesen und musste diese mühsam per Hand dokumentieren. In den Räumen des Gründerzentrums hätte sie heute die Tests in Full-HD aus verschiedenen Perspektiven zeitsynchron in Bild und Ton aufzeichnen können. "Unser mobiles Eye-Tracking-System wird gerade an einem Bio-Reaktor vor Ort eingesetzt, um störende Faktoren bei der Anwendung zu finden", zählt Kerstin Palatini weitere Besonderheiten in der Ausstattung des Inkubators auf. Einer der Projektleiter, Prof. Dr. Volkmar Richter, regte erst vor kurzem die Beschaffung einer innovativen Lichtfeld-Technologie an, um weitere Untersuchungen zu Mensch-Technik-Interaktionen unter echten Bedingungen zu ermöglichen.  

7 Grundsätze

Die technische Ausstattung des Inkubators ist aber nur die eine Seite. Kerstin Palatini und Karsten Zischner wissen, mit welchen Methoden und Probanden man valide Tests durchführt, wie man aus der "Datenwolke" die entscheidenden Informationen über die Nutzerin oder den Nutzer zieht. Und sie kennen die Fehler von anderen. Wer sich an sie wendet, wird mit 7 Grundsätzen konfrontiert, die eine Neu-Entwicklung erfüllen sollte. „Bis jetzt gab es noch keinen Fall, der komplett bestanden hat“, so Kerstin Palatini.

„Bitte warten“ statt „Los geht’s“

So hatten etwa die Entwickler einer innovativen Software den Grundsatz der „Erwartungskonformität“ nicht erfüllt. Ein für das Internet typisches „Bitte warten“-Symbol hatten sie an einer Stelle eingesetzt, an der Nutzer*innen eigentlich agieren sollten. „Das wäre ihnen ohne Nutzer-Test vielleicht gar nicht oder zu spät aufgefallen“, so Karsten Zischner, „aber es ist eben auch menschlich, dass jeder erstmal die Möglichkeiten seines Fachs sieht.“