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Fokus: Lebensmitteltechnologie

06/01/17

Wo Wissenschaft und Industrie Proteine gemeinsam spalten

In Sachsen-Anhalt gibt es Hotspots der angewandten Forschung, die für Unternehmen zum unentbehrlichen Partner geworden sind. Einer davon ist die Arbeitsgruppe Lebensmittelverfahrenstechnik und Lebensmittelprozesstechnik um Prof. Thomas Kleinschmidt an der Hochschule Anhalt in Köthen. Ihr Schwerpunkt: Milchprodukte.

Mehr als 4 Millionen Euro Drittmittel

Diese Arbeitsgruppe hat zwischen 2009 und 2015 ca. 4,16 Millionen Euro Drittmittel von öffentlichen Fördermittelgebern eingeworben, zusätzlich 770.000 Euro Industriemittel, wie es in ihrer Präsentation heißt. Entsprechend lang ist die Liste der Projekte auf der Homepage. Mit der Erfahrung und Expertise der Köthener WissenschaftlerInnen können nur wenige Standorte konkurrieren, wie etwa die TU München und die Universität Hohenheim. „Wobei Konkurrenz eigentlich nicht das richtige Wort ist“, sagt Prof. Thomas Kleinschmidt, „denn wir arbeiten in verschiedenen Projekten eng zusammen.“

Milch als Pulver

Gäste empfängt er im Technologiezentrum der Hochschule Anhalt. „Erst vergangene Woche waren Lexi TV und die MZ hier“, erzählt Prof. Kleinschmidt, der sich bereits in seiner Promotion mit der Konservierung von proteinhaltigen Lebensmitteln auseinandergesetzt hat. Milch ist ein Produkt von allgemeinem Interesse, das sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat. Wurden früher nur Überschüsse in Pulver verwandelt, handelt man heute die meisten Milchprodukte in Form von Pulvern.


Prof. Thomas Kleinschmidt im Technikum Lebensmitteltechnologie, das auch eine Brauanlage beherbergt.
KAT Lebensmitteltechnik Köthen Prof. Kleinschmidt

Knowhow seit 1973

WissenschaftlerInnen der Hochschule Anhalt haben diesen Prozess seit 1973 begleitet und mit gestaltet. Prof. Kleinschmidt: „Als ich den Bereich Lebensmittelverfahrenstechnik 1993 übernommen habe, gab es bereits eine gute Ausrüstung, die wir nach und nach aufgebaut haben.“ Zusätzliches Knowhow holte er Ende der 90er Jahre mit WissenschaftlerInnen des Milchforschungsinstituts in Oranienburg, das damals aufgelöst wurde.

Forschung an Hochschulen

Forschungsbereiche aufzubauen, heißt an Hochschulen – zumindest den ehemaligen Fachhochschulen – den schwierigen Weg über Projektfinanzierungen zu gehen. Große Budgets oder Personalmittel gibt es für diese zweite Hochschul-Mission an den Fachbereichen kaum. Dennoch hat es die Arbeitsgruppe geschafft, auf ein derzeit 12-köpfiges Team zu wachsen, das in zwölf Laboren und einem Technikum umfangreiche physikalische und chemische Analysen durchführen kann.

Angewandte Forschung

In Köthen ging es dabei von Beginn an um die angewandte Forschung: „Das war immer unsere Idee“, betont Prof. Kleinschmidt, „wir machen nur Sachen, die man mit relativ geringem Aufwand in einer mittelständischen Molkerei nachvollziehen kann. Wenn Sie etwa auf eine technische Chromatografie setzen, welche die Unternehmen ein paar Millionen Euro kostet, dann brauchen wir darüber nicht weiter zu reden.“

Milchindustrie unter Druck

Und dieser konsequente Fokus hat sich rentiert: Geht es um ein neues Projekt, startet Prof. Kleinschmidt einen Aufruf an seine Industriekontakte und: sechs bis sieben Betriebe sind immer wie selbstverständlich dabei. Dazu gehören sowohl die Großen wie DMK, Müller oder Zott als auch mittelständische wie die Milchwerke „Mittelelbe“ GmbH in Stendal.

Fester Partner: Milchwerke „Mittelelbe“ GmbH in Stendal

„Seit mehreren Jahren bewegen sich die Preise für Standard-Milch- und Molkenerzeugnisse extrem auf und ab“, erklärt Claudia Krines, in Stendal verantwortlich für die Produktentwicklung. Um eine nachhaltige Wertschöpfungskette in der Milchwirtschaft auszubauen, würden dringend höherwertige, funktionellere Produkte zu stabilen Marktpreisen und guten Gewinnmargen benötigt. Und: „Echte Innovationen entstehen nicht von selbst. Wir investieren entsprechend in strategische Partnerschaften zwischen unserer eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung, Hochschulen und Universitäten und das zahlt sich aus.“


Blick in die Labore, in denen das 12-köpfige Team von Prof. Kleinschmidt arbeitet.
KAT Lebensmitteltechnik Köthen Labor
Die technische Ausstattung ist in den vergangenen Jahren auf 12 Labore und ein Technikum angewachsen.
KAT Lebensmitteltechnik Köthen Labor 2

Forschungsfragen

Entsprechend kommen die Forschungsfragen in der Regel direkt aus der Industrie und behandeln ähnliche Probleme: Wie verhindert man, dass Partikel verklumpen? Welches Verfahren garantiert die beste Löslichkeit? Wie trennt man einzelne Bestandteile aus Milch und Molke, um daraus neue Produkte zu entwickeln? Dazu werden die Rohstoffe in den Laboren physikalisch und chemisch analysiert.

Trend zu ökologischen Produkten und Regionalität

Aber es gibt auch Neues. Den Trend zu ökologisch hergestellter Milch hat die Köthener Arbeitsgruppe mit kleineren Betrieben bereits begleitet. „Heu-Milch setzt sich ganz anders zusammen als konventionell hergestellte Milch und hat besondere Anforderungen bei der Verarbeitung“, erklärt Prof. Kleinschmidt. Im März stellte er seine Forschung auf Einladung des sachsen-anhaltischen Vereins für Direktvermarkter vor Landwirten der Region vor: „Wer auf dem Gebiet neu ist, kennt uns natürlich noch nicht und so manch einer traut sich auch nicht, die Hochschule direkt anzusprechen. Deshalb nehmen wir solche sehr schönen Aktionen gern wahr.“


KATalysiert

KATalysiert: Das KAT-Netzwerk unterstützt den Aufbau der Labore und Kompetenzschwerpunkte der Arbeitsgruppe Lebensmittelverfahrenstechnik und Lebensmittelprozesstechnik an der Hochschule Anhalt seit 2008.